ghana

"Ihr seid ja bekloppt!"

...war der Kommentar vieler, als wir verkündet haben, mit dem Fahrrad durch Ghana zu fahren. Entsetzte Blicke, Kopfschütteln. Warum ausgerechnet Ghana? Und warum um Himmels Willen mit dem Fahrrad? 1. Ghana mussten wir bei der letzten Tour aus Zeitgründen auslassen. 2. "Die sind ja bekloppt" haben wir auch immer gedacht, wenn wir Fahrradfahrer in Patagonien oder in Timbuktu getroffen haben. Aber insgeheim haben wir sie bewundert...



Nun also ist es soweit, wir tauschen Mopedsitzbank gegen Fahrradsattel, steigen in die Pedale anstatt auf die Fußrasten. Wir sind gespannt auf die Unterschiede zwischen Motorrad- und Fahrradreisen. Einen haben wir schon festgestellt: Die Schmiermittel riechen besser...



Wir wollen euch auf dem Laufenden (oder sagt man "Rollenden"?) halten, wenn die Internetverbindungen in Ghana es zulassen. Also guckt ab und zu mal hier vorbei oder tragt euch in den Newsletter ein.

15.01.2008 accra to lake bosumtwi

Der erste Tag auf dem Fahrrad in Afrika ist gleich eine Probe: Hinaus aus Accra und – mangels Alternativen – auf der Hauptstraße Richtung Cape Coast. Doch es gibt eine halbwegs passablen Seitenstreifen, auf den wir uns retten, wenn die LKW, Trotros und Taxis an uns vorbeirauschen. “Obroni, Obroni” – “Weißer, Weißer” hören wir etwa 968 Mal am Tag, aber alle sind sehr freundlich. Mit Rückenwind fährt es sich fast von selbst bis Apam, wo wir hoch über dem Meer im halb verfallenen Fort Patience übernachten. Das riesige Cape Coast Castle dagegen ist bestens in Schuss und eine Touristenattraktion. Hier sind richtig viele Urlauber, die sich das alte britische Fort ansehen, in dem das Schicksal vieler Sklaven besiegelt wurde: Nach dem Gang durch die "door of no return" sind Abertausende unter unwürdigsten Umständen nach Amerika verschifft worden.


Recht entspannt lässt es sich auf guter Straße radeln, wenn man sich erst einmal ans Schwitzen gewöhnt hat. Stell dir vor, du treibst im Dampfgarer Sport, dann weißt du Bescheid. Noch dicker ist die Luft im Regenwald des Kakum National Parks. Beim Canopy Walk geht es über Hängebrücken von Baumriese zu Baumriese, von oben gucken wir auf den Wald hinunter, in vollem Vertrauen darauf, dass die Konstruktion aus Seilen und Aluleitern schon halten wird.


Die Nacht im Camp des Parks ist voller Geräusche, Zirpen, Vogelgesang,  hier und da knackt ein Ast. Am nächsten Morgen steigen wir in die verschwitzten Klamotten, die über Nacht kein bisschen getrocknet sind.

Die Straße nach Dunkwa sei sehr schlecht, sagen die Leute. Wir sollten lieber die Piste nehmen, die sei besser zu fahren und kürzer. Also biegen wir hinter Twifo Praso ab und machen unsere erste Pistenerfahrung. Schotter, Steine, Wellblech, tiefe Rillen und Berge ohne Ende sind richtig anstrengend mit dem Fahrrad. Hätten wir doch jetzt bloß die Motorräder! Aber die Aussicht auf eine Dusche und ein kaltes Bier ist Motivation genug um weiter zu fahren. Nach 110 km, davon fast die Hälfte Piste, erreichen wir Dunkwa, die Dusche und das Bier. Wir sind völlig alle, aber stolz, dass wir es geschafft haben.

Ganz lazy packen wir am nächsten Tag die Räder auf ein Trotro und lassen uns Richtung Kumasi bringen. Die restlichen 40 km Berg-und-Talbahn auf Teer führen uns zum Lake Bosumtwi, dem grössten natuerlichen Süßwassersee Ghanas. Das Lake Point Guesthouse ist paradiesisch: Baden im garantiert Bilharziose- und Krokodilfreien See, alleine am Strand in der Hängematte unter Palmen, der Blick auf den Kratersee und die umliegenden Berge, und zum Sunset ein Bier – oder doch lieber einen Cocktail?



21.01.2008 lake bosumtwi to tamale


Man hat uns vor dem mörderischen Stadtverkehr Kumasis gewarnt, aber wir kommen dort sehr sicher durch die Stadt: Der Autoverkehr ist völlig zum Stillstand gekommen, und wir schlängeln uns kreuz und quer, auf der Gegenfahrbahn oder dem Gehweg hindurch. Nördlich der Stadt ist das Klima plötzlich ganz anders, statt Dampfbad jetzt trockene Hitze und Wind  aus Nord, Harmattan. Von Techiman bis Kintampo kämpfen wir 60 Kilometer lang gegen den Wind und scheinbar immer bergauf. Als Belohnung kühlen wir uns am 25 m hohen Kintampo waterfall ab, herrlich!


Ohne Berge und Wind kommen wir am nächsten Tag gut voran, die 100 km bis Buipe fliegen dahin, die Straße ist gut und kaum befahren. Die Leute hier sind nicht überrascht, uns Radler zu sehen, das Fahrrad ist hier das gängigste Verkehrsmittel. überall werden wir freundlich gegrüßt, "you are welcome" und " safe journey".

Von Buipe nehmen wir die Direktpiste nach Damongo. Schnell haben wir Begleitung, und in einem Hauptfeld von acht Radlern wechseln wir uns 20 km lang bei der Führungsarbeit ab. Die Afrikaner fotografieren uns mit ihren Handys. Mit ihren Hollandrädern und Flipflops legen die Ghanaer auf der Piste ein flottes Tempo vor.


Einer nach dem anderen biegt auf sein Feld ab, und dann wir strampeln alleine durchs Buschland. In Damongo treffen wir auf die Hauptpiste, hier hört der Spaß auf: Wellblech, weicher Sand und viele Busse und Geländewagen, die gnadenlos auf uns zuhalten. Da bleibt nur der rettende Sprung in den tiefsandigen Graben. Nach 95 km erreichen wir völlig verdreckt den Mole Nationalpark. Wir hängen das Moskitonetz an einen Baum, springen in den Pool und schauen den Elefanten beim Baden im Wasserloch zu.
Unser Safariwalk am nächsten Morgen bringt eine überraschende Flucht: Zuerst sehen wir keinen Elefanten, und plötzlich steht ein stattliches Exemplar wenige Meter vor uns. Der Guide befiehlt uns "move back!" und zückt schon das Gewehr. Wir fliehen vor dem Elefanten. Es ist doch sicherer, vom höher gelegenen Camp aus die Elefanten beim Planschen zu beobachten.


Gestern hat in Ghana der Africa Nations Cup begonnen. In Tamale sind alle in Feierlaune, überall Fanartikel, mit Fahnen geschmückte Autos und Mopeds, die Leute tragen T-Shirts, Hüte und Kopftücher in Landesfarben. Es herrscht prima Fußball-Stimmung, Ghana hat das Eröffnungsspiel gewonnen.



01.02.2008 tamale to ho

Über die wenig entwickelte und wenig bereiste Region östlich des Voltasees wollen wir südwaerts. Das bedeutet lange Tagesetappen bis zum nächsten nennenswerten Ort, einsame Pistenstrecken und viel, viel Staub.


Von Bimbila bis Nkwanta sollen es 120 km sein, so genau weiß das niemand. Um sieben Uhr morgens sitzen wir auf dem Rad. Die Straßenkarte lässt uns darüber im Unklaren, in welchem Ort wir auf eine Versorgungsmöglichkeit hoffen können. Die Orte, die eingezeichnet sind, können relativ gut ausgestattet sein - oder so klein, dass wir sie gar nicht wahrnehmen. Wir wissen nicht einmal, ob wir noch auf der richtigen Piste sind und fragen einen Mopedfahrer nach dem Weg. Ja, ja, sagt der Ghanaer, hinter dem nächsten Berg könnten wir Nkwanta schon sehen. Wie weit kann der Typ denn gucken? Nkwanta muss doch noch 30 km entfernt sein! Aber er hat recht, wir erreichen unser Tagesziel tatsächlich 30 km frueher als gedacht, und darüber sind wir nicht böse.

Nun ist Nkwanta nicht gerade eine Metropole, aber immerhin gibt es eine Unterkunft. Dort versammeln sich abends die Leute vor dem Fernseher, Ghana spielt gegen Namibia. Zehn Minuten vor dem Anpfiff - und der Strom fällt aus! Ganz Nkwanta ist dunkel. Jetzt wird's hektisch. Erst einmal wird ein Transistorradio eingeschaltet, damit man zumindest akustisch auf dem Laufenden bleibt. Jemand holt von irgendwoher einen Generator. Das blöde Ding will aber nicht anspringen und muss erst repariert werden. All das im Lichte einer funzeligen Taschenlampe. Wo bei uns die Augen sitzen, haben Ghanaer anscheinend Nachtsichtgeräte... Zur zweiten Halbzeit läuft der Generator, und alle hocken glücklich vor dem Fernseher.


Von Nkwanta sind es noch zwei Tage, bis wir Wli, die Wasserfälle und die Waterfall Lodge von Sabine und Bernhard erreichen. Hier gefällt es uns so gut, dass wir glatt drei Tage bleiben. Es ist ein ausgesprochen guter Ort zum Entspannen und Erholen und um die Unpässlichkeiten rund um Magen, Darm und Sitzfleisch auszukurieren.

Über einen winzigen GrenzÜbergang kommen wir nach Togo, und ein abenteuerliches Passsträßchen führt über das Grenzgebirge. Die Straße ist so steil, dass unsere Vorderräder abheben. Wir müssen ein paar Passagen schieben, und selbst dass geht kaum, so steil ist der Weg.


Auf über 800 m schraubt sich die Straße, und im Sturzflug geht es wieder hinunter Richtung Kpalime. Überall brennt der Busch, diese gelegten Buschfeuer sind echt eine Schande. Durch wunderschöne, weil nicht verbrannte Landschaft mit Bananenstauden, Palmen, Ananas, Mangobäumen und Kassava gelangen wir zurück nach Ghana. Direkt an der Grenze hört der Asphalt auf, und wir hoppeln über eine wenig fahrradkompatible Piste nach Ho, der Hauptstadt der Eastern Volta Region.

Hier ist nach langer Zeit für uns endlich wieder städtisches, modernes Leben, und jede Menge Geschäfte. Die Ghanaer geben ihrem Business gerne einen tollen Namen, wie "Who knows hair palace" (wer weiß, wie man nach dem Friseurbesuch aussieht?), "God and sons telecommunication centre" (für den direkten Draht nach ganz oben) oder "With God all things are possible bicycles"...



11.02.2008 ho to accra to home

Die letzten Tage lassen wir es ruhig angehen, wir rollen nach Akosombo. Den Lake Volta, fünftgrößter Stausee der Welt und 15mal so groß wieder Bodensee, haben wir nun fast umrundet. Wir wundern uns, wie klein die Staumauer des Stausees ist. Kaum zu glauben, dass hier der Strom für das gesamte Land erzeugt wird!

Nach Süden hin nimmt der Auto- und Lkw-Verkehr erheblich zu. Sicherheitsabstand kennen die Ghanaer nicht, da lebt man als Radfahrer schon recht gefährlich.


Deshalb laden wir hinter Tema unsere Räder in ein Taxi und lassen uns durch Accra chauffieren, schließlich hängen wir an unserem Leben.

"Sssst, Ticket?" hören wir es überall ums Stadion herum flüstern. Ghana steht im Halbfinale, und wir zwei Fussballlaien sehen zum allerersten Mal ein Spiel im Stadion!


Schon vor dem Spiel wird gefeiert, viele haben sich verkleidet oder sind in Landesfarben bemalt. Doch als Kamerun das Tor schießt, wird es ruhig im Stadion, die Black Stars schaffen leider den Ausgleich nicht mehr. Schade!

Den letzten Tag verbringen wir auf den Märkten Accras, genießen die Atmosphäre, das Geschrei, die tropischen Früchte und sogar den chaotischen Autoverkehr und das feucht-heiße Klima. Wir werden die "pure water"-Rufe in Deutschland vermissen.




Die Westdeutsch Allgemeine Zeitung (WAZ) fand unsere Reise so spannend, dass sie am 18.02.2008 einen Bericht gebracht hat

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